Grundschulkonzept in Nersingen
 

Darf man eine Grundschule schließen?

Diese Frage spaltet im Moment die Gemeinde Nersingen. Auf der einen Seite steht ein Lager, dass aufgrund sachlicher Argumente diesen Weg gehen möchte, mit dem Ziel, langfristig die Schullandschaft der Gemeinde moderner und für die Kinder besser zu gestalten. Auf der anderen Seite steht ein Lager, dass die Grundschule retten möchte.

Angeführt wird dieses Lager von Detlef Buck, Vorsitzender des Elternbeirats der Grundschule Fahlheim und Betreiber der Internet-Seite nersingen-buergerentscheid.de. Gerade diese Seite macht mit teilweise nicht belegten Behauptungen, einseitig ausgewerteten Quellen, fraglichen Prognosen zu Schülerzahlen und einer ganzen Video-Serie auf YouTube massiv Stimmung.

Zu Hilfe kommen nun ehemalige Schüler mit großzügigen Spenden oder die Publizistin Renate Hartwig mit haarsträubenden Anschuldigungen[1]:
"Die Elternbeiräte aus Nersingen und Straß gehen weit über eine Information hinaus, um die Planspiele der Schulleitungen in Verbindung mit dem BGM durchzusetzen." Kein Wort über die Initiative "rettet die GS Oberfahlheim", in deren Steuerungsgruppe an Platz 1 der Vorsitzende des Elternbeirats Oberfahlheim Detlef Buck steht, gefolgt von 3 weiteren Mitgliedern eines insgesamt vermutlich 4-köpfigen Elternbeirats. Und ebenso kein Hinweis auf die Seite nersingen-buergerentscheid.de, auf der ebenfalls Detlef Buck als Urheber erscheint. Hier wird schon sehr offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen.

Weiterhin schreibt Frau Hartwig:" Jeder kann es auf den Werbeplakaten in Nersingen und Straß, sowie in den Postwurfsendungen erkennen. Die Aussage, wer mit einem JA stimmt, sei u.a. für eine „höhere Unterrichtsqualität“. Hier wird den gesamten Lehrkräften in Oberfahlheim unterstellt, Unterricht von minderer Qualität abzuliefern ".

Nein, mit keinem Wort wird die Qualität der Lehrkräfte in Frage gestellt. Es geht erkennbar um die Frage, welchen Vorteil die Mehrzügigkeit für das Konzept der Lernlandschaften mit sich bringt und um die Feststellung, dass bei Fehlen der Mehrzügigkeit Differenzierungsmöglichkeiten schwinden, die Fördermöglichkeiten eingeschränkt sind und damit die erreichbare Qualität leidet. Dieses durchaus fundierte Sachargument als Diskreditierung von Lehrkräften darzustellen ist schon ein sehr peinlicher und geradezu plumper Versuch die Argumente der Gegenseite grundsätzlich als unangemessen, ja gerade zu unverschämt zurückweisen zu können anstatt ihnen auf sachlicher Ebene zu begegnen.

"Die Schulnote 6 für die Schulleiterinnen aus Nersingen und Straß. Sie wurden über den Inhalt der Plakate und Postwurfsendungen informiert und hätten unterbinden müssen, dass ihre Kolleginnen und Kollegen, in der OF Grundschule als Lehrkräfte dargestellt werden, die minderwertigen  Unterricht halten. Die zu erwartende Ausrede, es sei anders gemeint, lasse ich nicht gelten. Juristisch würde dies’ bei Gericht gewertet, genauso wie es der unvoreingenommene Leser/Leserin liest."

Einer gerichtlichen Auseinandersetzung würde ich hier sehr gelassen entgegen sehen. Es fällt mir schwer anzunehmen, dass ein Gericht der Unfähigkeit oder dem Unwillen einen nur mäßig komplexen Sachverhalt nachvollziehen zu können folgen würde. Vielleicht besteht das Problem eher darin, dass es eben nicht um unvoreingenommene Leser geht, sondern um voreingenommene und solche, die sich ob der Sache gar nicht wirklich kundig gemacht haben.

"Im Fall der Schulschließung, geht es um egoistische Motive von einem kleinen Personenkreis. Die Kinder sind hierbei nur Mittel zum Zweck! Die Symbiose zwischen den Zielen des Bürgermeisters und den Vorteilen, die dadurch für die beiden Schulleitungen in Nersingen und Straß entstehen, sind greifbar." schreibt Frau Hartwig weiter.

In Grundzügen einer Verschwörungtheorie gleichend werden von der Befürworterin des Erhalts der Grundschule persönliche Vorteile als Motive unterstellt. Menschen, die ihr berufliches Leben voll und ganz den jüngeren Generationen unserer Gesellschaft widmen, wird vorgeworfen Kinder zu instrumentalisieren. Ein starker Vorwurf, der zwingend belegt gehört! Aber nichts dergleichen. Stattdessen weitere vollkommen absurde Ausführungen:
"Ganz extrem betrifft es die Rektorin der Nersinger Schule. Sie verwaltet auch die OF Grundschule. Sie hat zwei Verwaltungen, dort eigene Lehrkräfte, extra Elternabende, einen eigenen Fachaufwandsträger, jedoch dafür nur zwei Anrechnungsstunden. Heißt: Sie muss deshalb zwei Stunden weniger unterrichten. Sie verwaltet die Schule, ohne nennenswerte Bezahlung. Das ändert sich schlagartig, wenn die OF Grundschule liquidiert wird. Hier spielen vor allem die Vorteile der Rektorin eine Rolle. Das sind z.B. mehr Anrechnungsstunden, mehr Stunden für Sekretärinnen, mehr Zeit und mehr Macht!"

Also: Wer ernsthaft glaubt, es gehe hier um Macht, muss sich einige Strukturen im Schulwesen noch einmal genauer ansehen:
Keine Macht über Inhalte, da Lehrpläne vorgegeben werden!
Keine Macht über Personal, da Lehrer zugeteilt werden - einen Kollegen wieder loszuwerden, sollte das einmal gewünscht werden, weil z.B. die Leistung einfach nicht passt, ist praktisch unmöglich!
Keine Macht über Schülerzahlen, da die Schüler nicht durch besondere Qualität angeworben werden können, sondern aufgrund der Sprengel zur Schule kommen müssen!
Was genau ist hier damit gemeint, es gehe um Macht? Geht es tatsächlich um den Machtgewinn von 2- nach 3-zügig?
Und unabhängig davon bleibt dieser Vorwurf vollkommen unmotiviert im Raum stehen, denn die folgende Erklärung verfehlt ihr Ziel auch ganz klar:

"Es stellt sich die Frage, weshalb wurde, trotz der guten Kontakte von Frau Brünig zum Schulamt und ihrer familiären Verbindung in die Regierung von Schwaben, sowie der enormen Unterstützung seitens des Bürgermeisters, keine eigene Rektorenstelle für OF ausgeschrieben".

Wenn sich diese Frage stellt, dann sollte man sie nicht in den Raum stellen, sondern gezielt an eine Stelle richten, von der man eine Antwort erwartet. Und man muss auch hinterfragen, ob mit einer Rektoren-Stelle das Problem gelöst würde. Das Schulamt verweist hier auf frühere Zeiten, wo die Situation genau so war. Und der Effekt war, dass viele aufstrebende Lehrer die kleine Schule als Karrieresprungbrett genutzt haben. Immer wieder neue Schulleiter, keine Konstanz und damit genau nicht die gut funktionierende kleine Schulgemeinschaft. Mit der Situation damals waren die Eltern Erzählungen zufolge nicht glücklich. Es wird beklagt die Nersinger Schulleitungen sehen die Kinder als Mittel zum Zweck - eine Situation in der eine ganze Schule Mittel zum Zweck für die Karriere einzelner wird soll da besser sein?

Aber auch zu den Anrechnungsstunden ist noch etwas zu sagen: sind diese nicht ausreichend bemessen, leidet der Unterricht. Das will keiner zugeben und es will auch keiner hören, aber wenn die Aufgaben in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht abgearbeitet werden können, bleibt entweder weniger Zeit für die Vorbereitung von Unterricht, oder - häufiger zu beobachten - weniger Freizeit. Im ersten Fall ist der Qualitätsverlust des Unterrichts klar zu erkennen, im zweiten Fall stellt er sich früher oder später wegen Überlastung ein. Beides ist nicht im Sinne unserer Kinder.

"Was die Schule in Straß betrifft: Hier ist ein jährliches Zittern bei der Schulleitung, ob die Zweizügigkeit erhalten bleibt. Durch Schulschließung in OF könnten die Grundschulkinder von OF der nötige Füllstoff sein. Zumal in OF, hinter der Grundschule (!) ein Neubaugebiet für junge Familien ausgewiesen wurde. Das wiederum bedeutet für die Straßer Schulleitung, mehr Kinder, mehr Anrechnungsstunden, mehr Stunden für Sekretärinnen, natürlich auch mehr Bezahlung und mehr Macht".

Das Thema Macht der Schulleitung hatten wir schon. Bleiben zwei weitere Themen. Zum einen echauffiert man sich darüber, dass Fahlheimer Kinder zum Füllstoff der Klassen in Strass werden, ohne zu erwähnen, dass es in den vergangenen Jahren oft genug genau umgekehrt war - Strasser Kinder wurden nach Oberfahlheim zugewiesen. Ist diese Richtung weniger schlimm, oder gibt es andere Gründe das dezent zu übergehen?

Aber dann der absolute Hammer: es wird nicht nur angedeutet oder suggeriert, nein, es wird knallhart behauptet die Schulleiterin in Strass profitiere finanziell von einer Schließung der Grundschule Fahlheim. Eine Behauptung, die hoffentlich ein juristisches Nachspiel haben wird. Richtig ist laut Schulamt, dass die Besoldung von der Schülerzahl abhängt. Dabei wird die Grundschule zusammen mit der Mittelschule betrachtet. Hier ergibt sich keine Veränderung der Besoldung im Bereich von 180 bis 359 Schülern. Mit derzeit 239 Schülern liegt Strass sicher über der unteren Grenze und auch im Falle einer Zuweisung aller 70 Fahlheimer Kinder nach Strass (was gar nicht so geplant ist) wird es hier keine höhere Besoldung geben, da die erforderlichen 359 Kinder bei weitem nicht erreicht werden. Wie unsachlich kann man sein? Wie haltlos werden die Argumente noch? Bin ich der einzige, der hier keinen Willen für eine sachliche Auseinandersetzung erkennen kann?
Und wie kommt der Vorsitzende des Elternbeirats Detlef Buck dazu, einen offenen Brief von Frau Renate Hartwig an den Bürgermeister zu verlinken und damit Leser auf die Seite weiterzuleiten, auf der ein derart haltloses Pamphlet zu finden ista), b)? Egal wie die Standpunkte sind, von dieser Art der Auseinandersetzung muss man sich in aller Form distanzieren und nicht Links auf solche Dokumente über WhatsApp Status weiter verteilen, wie es Herr Buck eben auch getan hat... Eine schwere Verfehlung, die das wahre Gesicht erahnen lässt!
Fair Play geht anders!


Ich selbst war viele Jahre Vorsitzender des Elternbeirats in Strass und des Gesamtelternbeirats der Gemeinde Nersingen. Diese Gremien sind eigentlich die Interessenvertretung der Eltern. Die Gemeinde hat aus meiner Sicht den großen Fehler begangen auf eine Elternbeteiligung über diese Gremien zu verzichten. Das ist ein Fehler - keine Frage. Ebenso ist es aber nicht ganz nachvollziehbar, warum die Gegner der Schulschließung lange Zeit nicht den Kontakt zu den Interessenvertretungen aller betroffenen Eltern gesucht haben.


Liebe Nersinger,

natürlich ist diese Frage für viele, insbesondere für die von einer möglichen Schließung unmittelbar Betroffenen, auch eine sehr emotionale Frage. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Argumente weniger sachlicher Natur sondern eher emotional begründet sind. Menschen sind fühlende Wesen und daher ist es nachvollziehbar und auch legitim, dass in der Bewertung dieser Frage Gefühle nicht ganz außen vor bleiben.

Dennoch muss unser aller Ziel eine inhaltliche Auseinandersetzung auf Augenhöhe sein. Das bedeutet, dass der Emotionalität auf der einen Seite mit Verständnis begegnet werden muss. Auf der anderen Seite aber kann die Entscheidung letztendlich nicht auf Gefühlen und Befindlichkeiten basieren sondern muss auf Basis sachlicher Argumente getroffen werden. Haltlose Anschuldigungen, es gehe um mehr Macht, mehr Gehalt oder ein lockereres Leben für die Schulleiterinnen verbieten sich daher von selbst.
Es geht hier auch nicht darum, diese Auseinandersetzung zu gewinnen oder zu verlieren, eine Schule zu retten oder zu verraten. Es geht darum, eine schwierige aber ungemein wichtige Entscheidung zu treffen. Hier darf sich jeder positionieren, wie er will, aber wer seinen Standpunkt mit Argumenten und Fakten untermauern will, um auch andere zu überzeugen, der darf nicht Tatsachen verdrehen, egoistische Motive unterstellen, Statistiken zitieren, wo es ihm Nutzt, an anderer Stelle aber die Zahl der Schulkinder aus Betreuungsplätzen ableiten u.s.w.
Wir werden auf diesem Weg weder zu einer guten Entscheidung, noch zu einem guten Miteinander in der Gemeinde finden.


Lassen Sie sich nicht täuschen!

In der Abstimmung über die Neuausrichtung der Grundschullandschaft in der Gemeinde Nersingen geht es um pädagogische Konzepte. Im Kern geht es darum, die Schule für die Zukunft fit zu machen - moderne Unterrichtsmethoden einzuführen, Methodik und Raumgestaltung aufeinander abzustimmen, Kontinuität zu erreichen durch den Ausgleich und die Stabilisierung von Schülerzahlen - und das alles um den Kindern eine gute Ausbildung angedeihen lassen zu können.

Kurz gesagt: es geht um Klassenzimmer und Lernlandschaften! Es geht nicht um Verwaltungsgebäude oder Tiefgaragen!!!

Mag sein, dass die Zeit kommt, in der wir über die Umgestaltung von Rathaus und Gemeindehalle zu entscheiden haben. Mag sein, dass es dazu eine Auseinandersetzung geben wird, ähnlich wie heute - aber die Zeit dieser Auseinandersetzung ist nicht jetzt! Jetzt geht es um unsere Kinder und um die einmalige Chance die Schulen wirklich zukunftsorientiert aufzustellen.

Es geht nicht darum, diese Chance der Modernisierung ungenutzt verstreichen zu lassen in der Hoffnung, damit in vorauseilendem Protest Pläne des Bürgermeisters zu durchkreuzen.

Wir dürfen nicht zulassen, dass die Perspektiven unserer Kinder herabgewürdigt werden zu einem Instrument gegen politische Strömungen oder politisch handelnde Personen. Unsere Kinder haben ein Recht darauf, dass in dieser Abstimmung ihr Anliegen im Mittelpunkt steht und dass wir verantwortungsvoll im Interesse unserer Kinder abstimmen.





[1]: https://direct.renate-hartwig.de/es-geht-uns-alle-an/

a): Der Link wurde zwischenzeitlich gelöscht. Ein klares Statement gegen diese Form der Kommunikation wäre dennoch wichtig gewesen. Der FVF hat mit dem Löschen des Links keinerlei Distanzierung gezeigt. Mit der Verlinkung wurde dagegen die grundsätzliche Unterstützung dieser Art der Auseinandersetzung und eine Akzeptanz von Unsachlichkeit als Mittel zum Zweck sehr deutlich dokumentiert.
b): Der Link wurde zwischenzeitlich erneut wieder aufgenommen. Der FVF bekennt sich damit also scheinbar ganz bewusst zu dieser Form der Auseinandersetzung.